
In Deutschland existieren hunderte kleinerer und größerer Pfadfinder- und Jugendbünde und ähnlicher Gruppierungen, die sich in ihren speziellen Ausprägungen durchaus stark unterscheiden können. So sind einige mehr an der Pfadfinderbewegung und ihren Methoden ausgerichtet, andere beziehen sich mehr auf die Ideen und Inhalte der Bündischen Jugend, wieder andere versuchen, gänzlich neue Wege zu gehen und fühlen sich keiner Tradition verpflichtet.
Alle diese Bünde und Gruppen verbindet aber, dass sie sich als Teil einer offenen, sozialen und pluralistischen Gesellschaft verstehen, die sich durch Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und bürgerliche Grundrechte und Grundfreiheiten auszeichnet. Dazu gehören natürlich die Achtung der Menschenwürde, der Gleichheitsgrundsatz und die Meinungs- und Religionsfreiheit. Mitglieder von Pfadfinder- und anderen Jugendbünden treten entschlossen Rassismus und Antisemitismus entgegen. Verherrlichung der Nazidiktatur, Leugnung des Holocaust, Verbreitung nationalsozialistischer und völkischer Ideologie sowie überkommener Frauenbilder stehen im krassen Widerspruch zu den Werten und Zielen der Pfadfinder- und Jugendbewegung von heute.
Leider sieht sich die große und vielfältige Pfadfinder- und Jugendbewegung in Deutschland mit einer sehr kleinen Anzahl von Jugendbünden konfrontiert, die in mehr oder weniger starker Ausprägung völkisch-nationalistischen Denkmustern oder rechten bis extrem rechten Ideologien anhängen. Auch wenn diese Gruppierungen vergleichsweise wenige Mitglieder haben, muss ihnen klar entgegengetreten werden.
Denn einige dieser Gruppierungen sind nach außen hin kaum unterscheidbar von Pfadfinder- und anderen Jugendbünden, tragen oftmals eine Tracht, bauen Kohten auf und singen am Lagerfeuer. In Publikationen verweisen sie teilweise auf ihre bündischen Wurzeln und ihre Zugehörigkeit zur "Bündischen Jugend"; einige suchen gezielt Anschluss an die bündische Szene bzw. die Pfadfinderbewegung.
All dies kann aber nicht darüber hinwegsehen lassen, dass sich diese Bünde nicht von ihren Vergangenheiten oder von Einzelmitgliedern distanzieren, die offen erkennen lassen, dass sie völkisch-nationalistische oder rechte Ideen gutheißen. Indem sich diese Bünde als Teil der Pfadfinder- und Jugendbewegung darstellen, könnte der Eindruck entstehen, völkisch-nationalistische oder rechte Tendenzen hätten in dieser Bewegung einen Platz. Dem ist nicht so!
Am 33. Hamburger Singewettstreit am 17. April 2010 nahmen mehrere Mitglieder der in der aktuellen Diskussion in Rede stehenden Bünde teil. Trotz Hinweisen von Mitgliedern des BdP wurden diese im Vorwege nicht von einem Besuch der Veranstaltung ausgeschlossen (die aktive Teilnahme auf der Bühne als Gesangsgruppe o.ä. ist dagegen ausgeschlossen). Nach Hinweisen aus dem Publikum machte ein Mitglied des Vorbereitungskreises des Singewettstreits eine Ansage, die bei zahlreichen Teilnehmern so verstanden wurde, als schließe der Vorbereitungskreis Mitglieder der entsprechenden Bünde aus.
Auf der anschließenden Nachfeier in Hamburg-Harburg, ausgerichtet von den Freien Christlichen Pfadfindern Hamburg, nahmen ebenfalls Mitglieder aus Bünden, die aktuell in der Kritik stehen, teil. Diesen wurde nach rein verbalen Unmutsbekundungen von Seiten zahlreicher PfadfinderInnen verschiedener Bünde durch die Veranstalter das Verlassen der Feier nahegelegt.
Artikel aus dem eisbrecher 1-2010: "Da sind sie!"
Offener Brief vom 25. April 2010
Der Hamburger Singewettstreit möchte (...)
# die Menschenwürde achten
# weder Minderheiten noch Volksgruppen oder Rassen diskriminieren
Sofern Gruppen und Einzelpersonen durch ihr Handeln auf bündischen Veranstaltungen, durch Publikationen in Bundesmedien oder internen Veranstaltungen sowie darüber hinaus verdeutlichen, dass sie diese (unsere) Übereinkunft nicht teilen, schließt der Vorbereitungskreis diese Gruppen und Einzelpersonen von einer aktiven Teilnahme bereits im Vorwege aus und wird ggf. von seinem Hausrecht Gebrauch machen.
Bei Schwierigkeiten, Konflikten, oder in anderen kritischen Situationen in diesem Zusammenhang ist auf Veranstaltungen des HSW umgehend der Vorbereitungskreis / die Veranstalter zu informieren.
Eigenmächtiges oder gar gewalttätiges Handeln wird nicht toleriert.
Quelle: Was ist der Hamburger Singewettstreit?
http://www.hamburger-singewettstreit.de/about.htm
Aus Sicht des BdP-Landesverbandes Schleswig-Holstein/Hamburg ist es notwendig, völkisch-nationalistische und rechte Jugendbünde von der aktiven wie von der passiven Teilnahme auszuschließen. Von Beginn an war der Landesverband an einer konstruktiven Zusammenarbeit mit dem Vorbereitungskreis interessiert.
Im September 2010 wurde ein zweiter offener Brief, diesmal im Namen von 14 Stämmen aus den Landesverbänden Schleswig-Holstein/Hamburg, Niedersachsen, Berlin/Brandenburg und Rheinland-Pfalz, veröffentlicht.
Im zweiten offenen Brief schließen die unterzeichnenden Gruppen eine Teilnahme - sowohl für die Vorbereitung, als auch für die Durchführung als Zuschauer oder teilnehmende Gruppe - aus.
Am 15. November 2010 fand dann ein Treffen von Mitgliedern des Landesverbandes Schleswig-Holstein/Hamburg mit dem Vorbereitungskreis des Hamburger Singewettstreits statt. In freundlicher Atmosphäre wurde versucht, eine für alle Beteiligten akzeptable Lösung zu finden. Auch wenn für den 34. Hamburger Singewettstreit am 26.2.2011 keine konkreten Ergebnisse erzielt werden konnten, einigte man sich auf weiterhin konstruktive Zusammenarbeit und vereinbarte ständigen Informationsaustausch.
Mitte Januar 2011 erweiterte der Vorbereitungskreis des Hamburger Singewettstreits die Internetseite "über uns", die nun den folgenden Text beinhaltet:
Wir beobachten mit Sorge die Tendenz, dass sich aus dem rechtsextremen Spektrum Gruppierungen in die bündische Szene drängen, um auf diesem Wege soziale Akzeptanz zu erlangen. Von diesen Gruppen und deren Ansichten möchten wir uns ausdrücklich distanzieren, wir betrachten sie nicht als Teil der bündischen Szene. Auf dieser Veranstaltung verwehren wir deshalb solchen Gruppen eine aktive Teilnahme, wie zum Beispiel das Betreiben eines Marktstandes oder das Singen auf der Bühne. Wir können jedoch die politische Meinung eines jeden einzelnen Zuschauers nicht überprüfen und wollen dies auch nicht. Der Hamburger Singewettstreit war immer eine bunte, tolerante und überbündische Veranstaltung. Damit diese Atmosphäre auf dem Singewettstreit erhalten bleibt, erwarten wir von allen Anwesenden ein gewaltfreies und respektvolles Miteinander.
Quelle: http://www.folk.de/hamburger-singewettstreit/about.htm
Der BdP ist sehr am Fortbestehen des Hamburger Singewettstreits als einer großen und etablierten überbündischen Veranstaltung interessiert. Das wurde von Seiten des BdP in der Vergangenheit stets betont und hat auch für die Zukunft Geltung. Der BdP möchte den Hamburger Singewettstreit, der mit seiner qualitativ hochwertigen musikalischen Ausrichtung immer einen wichtigen Beitrag zur musischen Arbeit des BdP in Norddeutschland geleistet hat, auch in Zukunft gerne unterstützen. Sei es durch die Teilnahme verschiedener Gruppen oder durch tatkräftige Unterstützung bei organisatorischen Aufgaben.
Für den BdP und seine Untergliederungen besteht aber ein Grundkonfllikt, wenn die passive Teilnahme völkisch-nationalistischer und rechter Jugendbünde am Hamburger Singewettstreit nicht ausdrücklich ausgeschlossen ist. Aus diesem Grunde veranstaltet der BdP-Landesverband Schleswig-Holstein/Hamburg am 26.2.2011 einen kleinen Singewettstreit in Hamburg-Ottensen.
Alle Informationen hierzu finden sich in der Einladung, die hier als Download bereitsteht.
Wir haben im BdP eine ausgeprägte Singekultur und wollen gerne auf überbündischen Treffen wie dem Hamburger Singewettstreit zeigen, was wir können. Wir lernen gerne andere Bünde kennen und haben Freunde in anderen Bünden, die wir auf dem Hamburger Singewettstreit treffen wollen. Wir tragen als BdP zum Gelingen dieses großen und etablierten Singewettstreits bei und sind uns unserer Verantwortung hierfür bewusst. Gleichzeitig ist uns wichtig, uns von völkisch-nationalistischen Gruppen und deren Gedankengut abzugrenzen und keine gemeinsamen Veranstaltungen mit diesen Gruppen durchzuführen und zu besuchen. Wir wollen als BdP hiermit auch das Signal aussenden, dass wir als politisch unabhängiger Jugendverband weder unpolitisch sind noch Gefahren ignorieren, die von rechten Gruppen ausgehen.
Um dem gerecht zu werden, fordern wir den Vorbereitungskreis des Hamburger Singewettstreits dazu auf, die Teilnahme völkisch-nationalistischer Gruppen von vornherein auszuschließen.
Nach den aktuellen Teilnahmebedingungen des Hamburger Singewettstreits ist die aktive Teilnahme völkisch-nationalistischer Gruppen als Singegruppe auf der Bühne oder Marktstandbetreiber ausgeschlossen, allerdings nicht die Teilnahme als Zuschauer. Teilnahme als Mitglied einer Gruppe bedeutet dabei, dass das Mitglied nach außen hin durch Bundeskluft und -abzeichen als solches erkennbar ist und seinen Bund repräsentiert.
Wir haben im gesamten BdP auf allen Ebenen viel über dieses Thema informiert, diskutiert und insbesondere im Landesverband Schleswig-Holstein/Hamburg von den direkt betroffenen Stämmen ein eindeutiges Meinungsbild bekommen: Fast alle wollen am kommenden Hamburger Singewettstreit am 25. Februar 2012 teilnehmen, jedoch unter der Bedingung, die Veranstaltung sofort zu verlassen, sollten Mitglieder völkisch-nationalistischer Gruppen in Kluft anwesend sein (zur Begründung siehe unten!).
Nach ausführlicher Beratung und Diskussion empfiehlt der Landesverband Schleswig-Holstein/Hamburg, vertreten durch die Landesleitung, seinen Mitgliedern:
- am Hamburger Singewettstreit teilzunehmen und ihn aktiv mitzugestalten, als Singegruppen, Jurymitglieder oder Helfer.
- den Hamburger Singewettstreit sofort zu verlassen, sollten Mitglieder völkisch-nationalistischer Gruppen in Bundeskluft anwesend sein und nicht vom Vorbereitungskreis der Veranstaltung verwiesen werden. Die Details für diesen Schritt werden wir zu gegebener Zeit kommunizieren.
- sich klar zu machen, welche Folgen dieses Vorgehen für die Teilnehmenden aus den Stämmen hat. Ggf. kann eine Singegruppe eines Stammes nicht mehr auftreten.
- sich zu überlegen, wie an die Teilnehmenden das Vorgehen kommuniziert wird und dabei insbesondere zu beachten, wie mit
- Wölflingen und PfadfinderInnen umzugehen ist, für deren Aufsicht die Gruppenleitungen vor, während und nach der Veranstaltung verantwortlich sind.
Diese Empfehlung und die Informationen wurden auch allen anderen Stämmen des BdP zugeleitet.
Solltet ihr Fragen haben oder Kritik äußern wollen, sprecht uns bitte direkt an. Uns ist wichtig, andere Meinungen zu hören. Wir sind erreichbar unter
singen@bdp-sh-hh.de.
Bis dahin herzlich Gut Pfad,
Die Landesleitung des Landesverbandes Schleswig-Holstein/Hamburg im Bund
der Pfadfinderinnen und Pfadfinder e.V.
| Anhang | Größe |
|---|---|
| BdP-Informationen_HaSiWe_2012.pdf | 86.34 KB |